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Wenn der Schiedsrichter zu laut pfeift ...


Dieser kuriose Fall ist derzeit in aller Munde:


Der Schiedsrichter Pierre Hackler versucht eine Rudelbildung aufzulösen. Durch seinen Pfiff erleidet ein Spieler einen Tinnitus im Ohr. Sowohl ein Straf- als auch ein Zivilgericht sanktionieren Hackler daraufhin: Neben einer bereits erbrachten Arbeitsauflage muss er auch Schmerzensgeld zahlen.


1. Vor etwa dreieinhalb Jahren kam es bei einem Kreisliga-Spiel zwischen der SpVgg Sonnenberg 2 und der DFK 1. SC Klarenthal 2 (Hessen) zu einer Rudelbildung. Als Schiedsrichter fungierte Pierre Hackler, der u.a. durch einen lauten Pfiff die Rudelbildung aufzulösen versuchte. Ein Spieler des SC Klarenthal stand jedoch in so unmittelbarer Nähe zum Schiedsrichter, dass er bleibende Schäden im Ohr (Tinnitus) davontrug.


Das Strafverfahren gegen Hackler wurde eingestellt und ihm die Ableistung von 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit aufgegeben. Im Zivilverfahren einigte er sich mit dem verletzten Spieler nach gerichtlichem Vorschlag auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes i.H.v. 2.500,00 €.


Auf die von Hackler geäußerte Kritik am Hessischen Fußballbund wegen mangelnder Unterstützung werde ich an dieser Stelle nicht eingehen. Stattdessen möchte ich meine Gedanken zu den oben genannten Entscheidungen kurz zusammenfassen:


2. Aus strafrechtlicher Sicht dürfte eine fahrlässige Körperverletzung gemäß § 229 StGB zulasten des Spielers des SC Klarenthal im Raum stehen, denn einen Vorsatz wird man Hackler wohl kaum unterstellen wollen - jedenfalls verdiente der Schiedsrichter dann keine Unterstützung. Dass der verletzte Spieler dies freilich anders sieht, liegt auf der Hand.


Für mich stellt sich die Frage, ob nicht der Spieler des SC Klarenthal eine die Rechtswidrigkeit der Körperverletzungshandlung ausschließende Einwilligung gemäß § 228 StGB erklärt hat. Die Vorschrift lautet:


"Wer eine Körperverletzung mit Einwilligung der verletzten Person vornimmt, handelt nur dann rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt."


Zunächst ist festzustellen, dass der Pfiff des Schiedsrichters und die hieraus resultierende dauerhafte Verletzung des Spielers des SC Klarenthal den Tatbestand einer (fahrlässigen) Körperverletzung erfüllen dürften; anderes kann mit entsprechender Begründung sicherlich vertreten werden.


Dass die Norm - trotz ihrer systematischen Stellung im Gesetz - auch für die fährlässige Körperverletzung gilt, ist dabei ebenso unstrittig wie der Umstand, dass die Tat (also der zu laute Pfiff und die daraus resultierende Verletzung) nicht gegen die guten Sitten verstößt. Demnach kommt es entscheidend darauf an, ob eine Einwilligung, also eine vorherige Zustimmung (§ 183 BGB), des verletzten Spielers vorgelegen hat.


Dies mag seltsam anmuten, denn es ist kaum zu erwarten, dass verletzte Spieler vor dem Pfiff zum Schiedsrichter geeilt ist und ihm ausdrücklich mitgeteilt hat, dass er mit einem lauten Pfiff in sein Ohr einverstanden sei und auch daraus resultierende Verletzungen in Kauf nehme. Aber hierauf kommt es für die Einwilligung nicht entscheidend an, denn diese kann stillschweigend oder - wie der Jurist sagt - konkludent erteilt werden. Hiervon ist insbesondere für alle einer Sportart wesenseigenen Handlungen auszugehen.


Es stellt sich also die weitere Frage, was die einem Fußballschiedsrichter wesenseigenen Handlungen sind: Der Schiedsrichter ist für die Einhaltung der Regeln zuständig. Um das Spiel zu beginnen, zu unterbrechen, fortzusetzen oder zu beenden, um sich in unübersichtlichen Situationen Gehör zu verschaffen (man denke an die Geräuschkulisse in einem ausverkauften Stadion), bedient er sich seiner Pfeife sowie - je nach Art des Regelverstoßes - der Verwarnung ("Gelbe Karte") oder des Feldverweises ("Rote Karte"). Ein Pfiff ist also eine Handlung, die dem Fußball eigen ist.


Weil das so ist, ist auch die hieraus resultierende Verletzung eines Spielers von dessen konkludent erklärter Einwilligung umfasst; es fehlt an einer für die Strafbarkeit des Schiedsrichters erforderlichen rechtswidrigen Handlung.


Bei einer Rudelbildung ist es für den Schiedsrichter naturgemäß nicht einfach, der Lage Herr zu werden. Dass er dabei laute Pfiffe tätigt, ist m. E. kein Verhalten, das die Einwilligung des Spielers entfallen lassen würde, sondern stellt gerade ein sporttypisches Handeln dar. Dass es hierbei zur Verletzung eines Spielers gekommen ist, ist bedauerlich und gleichzeitig gerade ein dem Fußball wesenseigenes Risiko, das nicht außerhalb jeder Lebenserfahrung liegt und mit dem zu rechnen ist.


3. Wegen der fehlenden Rechtswidrigkeit scheidet nach meiner Auffassung auch ein Anspruch des Spielers des SC Klarenthal auf Schadensersatz nach § 823 Abs. 1 und 2 BGB und auf Schmerzensgeld nach § 253 Abs. 2 BGB aus.


4. Schwer wiegt allerdings der Umstand, dass der Schiedsrichter Hackler, der die unübersichtliche Lage gemäß seiner Aufgabe zu beruhigen versuchte, durch zwei Gerichte sanktioniert wurde. Diese Entscheidungen sind m. E. unzutreffend, denn sie kriminalisieren den Schiedsrichter als Spielleiter, indem sie ihm rechtswidriges Verhalten vorwerfen, obwohl er sich ausschließlich der ihm nach den Regularien gegebenen Hilfsmittel bedient.


Die Entscheidungen schaffen auch Rechtsunsicherheit: Wie laut darf zukünftig ein Pfiff sein? Ist die Lautstärke eines Pfiffs situationsabhängig? Und ein weiteres: Die Entscheidungen untergraben die Autorität des Schiedsrichters auf dem Platz, der sich zukünftig wohl nicht nur wegen seiner Entscheidung, sondern auch für die Art und Weise seines Pfiffs erklären muss - geradezu absurd.


Hackler hat seine Konsequenz bereits gezogen: Nach seiner Pfeife tanzt niemand mehr, denn seine aktive Laufbahn als Schiedsrichter hat er beendet. Wer mag aufgrund der obigen Entscheidung ausschließen, dass mehrere Schiedsrichter Hacklers Beispiel folgen?

 

Fest steht für mich, dass Schiedsrichter - gerade im Breitensport - besser geschützt und unterstützt werden müssen: Gewaltbereite Fans, provozierende Spieler, zögerliche Verbände und überzogene Entscheidungen der Gerichte werden sicherlich nicht dazu beitragen, junge Menschen für die wichtige Aufgabe des Schiedsrichters zu begeistern.

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